Drei Tage der Freiheit im Kloster

Wer eine Jugendveranstaltung plant – da kann diese christlich sein, wie sie will –, muss damit rechnen, dass er Sätze aufschnappen könnte von „Mann, ist das albern!“ über „Ich hab da jetzt echt kein‘ Bock drauf!“ bis zu „Ist das geil!!“ Und wenn die Teens lieber zum Tanz- und Folkfest dach Rudolstadt fahren als nach Volkenroda, dann muss man sie lassen. Und wenn die, die gekommen sind, gerne in der Sonne chillen wollen, um in Ruhe ihr Eis zu essen, dann tun sie das. Einfach so. Ohne sich eine Platte darüber zu machen, dass in den Kirchenkreisen Mittelthüringens seit Monaten und im Kloster seit Tagen die Vorbereitungen liefen für das Evangelische Jugendcamp 2008.

Am Freitagnachmittag und -abend schlugen etwa 600 Jugendliche ihre Zelte in der Schlafstadt auf. Einige Gemeinden waren der Anregung der Camp-Leitung gefolgt und hatten ihren diesjährigen Konfirmanden das Wochenende zum Geschenk gemacht. Der Himmel gab den Sonnenschein dazu und so hat es keiner der Teilnehmer bereut, gekommen zu sein. Im Gegenteil. Der letzte Satz, den mir die Jugendlichen aus Eisenach noch im Zug mit auf den Weg gaben, lautete: „Es gab einfach nichts, was nicht gut war.“ Allein die besondere Mischung aus altem Gemäuer und neuer Architektur aus Beton, Glas und Stahl begeisterte die Besucher, aber auch das große Gelände und die verschiedenen Gebäude, die zahlreiche Möglichkeiten boten, sich einzubringen und zurückzuziehen, ein Stück des Lebens der Jesus-Bruderschaft kennen zu lernen und ganz nach freiem Willen in ein großes Fest der Begegnungen einzutauchen.

Die evangelische Jugend aus Mühlhausen und Südharz begrüßte den fröhlichen bunten Haufen gemeinsam mit der Camp-Band toxic tonic. Dass die Camper begeistert werden wollten und begeisterungsfähig waren, war schnell zu merken, und so ließen sie sich von der Bühnenshow zum Thema „be(f)reit“ mitreißen. Jubel ertönte, als Ballons mit den Federn über den Köpfen zerplatzten und als Brieftauben symbolgeschwängert aus ihren Kisten befreit in den Himmel aufstiegen, um heim zu fliegen.

Der erste Abend diente der Orientierung und Begegnung. Eine anti-rechtsextremistische Ausstellungseröffnung, ein Schülertheaterstück zum Thema Mobbing, ein rockender und zur Selbsterfahrung auffordernder Jugendgottesdienst. Die Pfadfinder brieten Stockbrot am Lagerfeuer, die Nachtcafés luden zum Entspannen und Reden ein, die offene Arbeit lockte mit Jonglagezubehör und die Seilgärten verführten zu Grenzgängen. An der Jakobsleiter standen Zweiergruppen Schlange. Alle wollten das Kribbeln spüren und wissen, wie sie sich aufeinander verlassen können. Die Mädchen trauten sich meist zu wenig zu, aber halfen bereitwillig und nahmen Unterstützung dankbar an, das Miteinander war ihnen wichtig. Einige der Jungen tendierten zur Selbstüberschätzung und versuchen einen Alleingang nach oben, obwohl der tatsächlich nicht zum Ziel führen konnte. Ohne Gemeinschaft geht eben nicht alles.

Der Samstag, für den einige extra anreisten, bot ein unermessliches Repertoire an Möglichkeiten. Am Vormittag thematische Bibelarbeiten, am Nachmittag Workshops. Kreativität war gefragt und Mut, Ernsthaftigkeit und Spaß. Ob man lieber mit Irmela Mensah-Schramm über den adäquaten und christlichen Umgang mit rechtsextremen Gleichaltrigen reden wollte oder unter Mädchen über biblische Inhalte, ob man lieber Gipsmasken, Buttons, Holzanhänger, Kerzen, Filzblüten und T-Shirts basteln oder mit Marko Kappaun Gospellieder lernen wollte – der Freiheit waren hier keine Grenzen gesetzt.

Ein Liturgisches Abendessen beschloss den Samstag und die Nachtkirche wie tags zuvor den Abend. Besinnliche Worte bei Kerzenlicht, Klavier und Gesang ließen zur Ruhe kommen, öffneten die Seelen und entließen die Müden wie die Noch-Wachen in die Nacht. – In der letzten schliefen die meisten am wenigsten. Weil sie noch lange in einem der Cafés saßen, Nachtwache halten mussten oder einfach, weil sie in Gesprächen versanken mit denen, die ihnen über die Tage vertraut geworden waren. Dementsprechend schwer fiel am letzten Morgen das Aufstehen. Auch deswegen, weil man wusste, dass es noch viel zu tun gab, ehe man nach Hause fahren konnte. Alles geschah ein wenig langsamer als sonst, ein wenig stiller, ein wenig ernster. Der Abbau, der am Abend zuvor bereits begonnen hatte, ging weiter – ein Abschiednehmen in Zeitlupe.

Kurz nach zehn kamen noch einmal alle auf dem Platz vor der Hauptbühne zusammen, die Teilnehmer, die Helfer, die Referenten und die Leitenden. Die evangelische Jugend Schleiz hatte mit toxic tronic und dem orthodoxen polnischen Gast-Chor den Abschlussgottesdienst vorbereitet: einen Dank an das Wochenende mit Gleichgesinnten. Die Verse der Predigt wechselten mit Strophen der Gemeinschaft, die Gedanken des Einzelnen mit Liedern, die viele Stimmen sangen. Die Teilnehmer des Workshops zur Gebärdensprache ließen die Gehörlosen teilhaben am Refrain von „Ich lobe meinen Gott“. Zum Heiligen Abendmahl kamen schließlich alle am Tisch des Herrn zusammen und dankten für die Zeit, die sie hier verbringen konnten, für die vielen Eindrücke und für das Miteinander.

Claudia Kanz


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